Slow Travel auf Schienen: Die spektakulärsten Zugstrecken Europas als nachhaltige Alternative zum Fliegen.
Im vergangenen Herbst bin ich zum ersten Mal mit dem Nachtzug von München nach Rom gefahren. Statt drei Stunden Flughafen-Stress, Sicherheitskontrolle und Gepäckband wachte ich morgens um sieben in Rom Termini auf, mit Blick auf die Dächer der ewigen Stadt. Das Ticket hatte 89 Euro gekostet — weniger als der günstigste Flug am selben Tag. Seitdem bin ich überzeugt: Zugreisen sind nicht nur die entspanntere, sondern oft auch die klügere Art zu reisen. Die Zahlen geben mir recht. Der Nightjet der ÖBB hat seine Passagierzahlen seit 2021 verdreifacht, die Deutsche Bahn verkauft Europa-Sparpreise ab 18,90 Euro, und neue Anbieter wie Midnight Trains und European Sleeper drängen auf den Markt. Die Nachfrage nach Bahnreisen in Europa ist so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr.
Die Strecke über den Gotthardpass gehört zu den Erfahrungen, die man nicht vergisst. Von Zürich schlängelt sich der Zug durch das Reusstal hinauf, durchquert den längsten Eisenbahntunnel der Welt und taucht auf der Südseite in eine völlig andere Welt ein — plötzlich stehen Palmen am Bahnsteig, die Luft riecht nach Glyzinien, und in Lugano wartet der See. Die gesamte Fahrt dauert knapp drei Stunden und kostet mit dem Sparpreis der SBB etwa 30 Franken. Wer es dramatischer mag, nimmt den Bernina Express von Chur nach Tirano. Die Strecke ist UNESCO-Welterbe, und das zu Recht: In vier Stunden überwindet der Zug 196 Brücken und 55 Tunnel, klettert auf 2.253 Meter Höhe und fällt dann in Serpentinen ins italienische Veltlin ab. Fensterplätze auf der linken Seite sind Gold wert.
Skandinavien hat in den letzten Jahren enorm aufgeholt. Die Bergenbahn von Oslo nach Bergen gilt als eine der schönsten Zugstrecken der Welt, und das liegt nicht am Marketing. Sieben Stunden führt die Reise durch eine Landschaft, die sich ständig verändert — von den sanften Wäldern rund um Oslo über die karge Hochebene der Hardangervidda bis hinunter zu den Fjorden an der Westküste. Im Winter, wenn Schnee die Hochebene bedeckt und das Licht golden schräg einfällt, ist die Fahrt fast unwirklich schön. Ein Ticket kostet umgerechnet ab 25 Euro, wenn man früh genug bucht.
Der eigentliche Gamechanger der letzten Jahre sind die Nachtzüge. Was früher als verstaubtes Relikt galt, ist heute ein Reisetrend mit Wartelisten. Der ÖBB Nightjet verbindet inzwischen Wien mit Brüssel, Hamburg mit Zürich und München mit Rom, Venedig oder Zagreb. Die Preise starten bei 29,90 Euro für einen Sitzplatz, ein Liegewagen kostet ab 49,90 Euro, und wer sich ein Einzelabteil mit Waschbecken gönnt, zahlt ab etwa 120 Euro — immer noch günstiger als Flug plus Hotelübernachtung. Besonders die Verbindung München–Venedig hat sich zu einem Geheimtipp entwickelt: Abfahrt um 23 Uhr, Ankunft um 9 Uhr morgens direkt an der Lagune. Man steigt aus dem Zug und steht vor dem Canal Grande.
Auch der neue European Sleeper von Brüssel über Amsterdam nach Berlin hat seit dem Start im Mai 2023 für Aufsehen gesorgt. Die Tickets sind oft Wochen im Voraus ausverkauft. Für 2026 plant das Startup zusätzliche Verbindungen nach Prag und Barcelona. Midnight Trains, ein französisches Unternehmen, will ab 2027 mit Hotelzügen an den Start gehen — mit eigener Küche, Bar und Einzelkabinen, die eher an ein Boutique-Hotel erinnern als an einen Schlafwagen.
Neben dem offensichtlichen Komfort — kein Check-in, kein Flüssigkeitsverbot, kein Mittelsitz — sprechen auch harte Fakten für die Bahn. Ein Flug von Berlin nach Paris verursacht laut Umweltbundesamt etwa 220 Kilogramm CO₂ pro Person. Die gleiche Strecke mit dem ICE und TGV kommt auf rund 8 Kilogramm. Das ist Faktor 27. Dazu kommt die Zeitrechnung: Wer die Anreise zum Flughafen, die Wartezeit und den Transfer in die Stadt einrechnet, ist auf Strecken bis 800 Kilometer mit dem Zug oft nicht langsamer als mit dem Flugzeug. Hamburg–Kopenhagen etwa dauert mit dem neuen Fehmarnbelt-Tunnel ab 2029 nur noch dreieinhalb Stunden — von Innenstadt zu Innenstadt. Kein Flug kann das bieten.
Und dann ist da die Sache mit dem Unterwegs-Sein selbst. Im Flugzeug ist die Reise tote Zeit. Im Zug ist sie Teil des Erlebnisses. Man liest, arbeitet, schaut aus dem Fenster, geht in den Speisewagen, kommt mit Mitreisenden ins Gespräch. Mein bestes Zuggespräch hatte ich auf der Strecke von Wien nach Zürich — acht Stunden mit einem pensionierten Geologen, der mir erklärte, warum die Alpen noch immer wachsen. Solche Begegnungen hat man in Reihe 34, Platz F einfach nicht.
Wer die Buchung über die verschiedenen europäischen Bahnanbieter als Hürde empfindet, dem sei die Plattform Trainline empfohlen. Dort lassen sich Verbindungen aus über 200 Bahngesellschaften vergleichen und in einer einzigen Transaktion buchen. Auch die Interrail-Pässe haben sich gewandelt — sie sind längst nicht mehr nur etwas für Studenten. Der Global Pass kostet ab 194 Euro für vier Reisetage innerhalb eines Monats und gilt in 33 Ländern. Für Familien gibt es Ermäßigungen von bis zu 50 Prozent, Kinder unter vier fahren kostenlos. Wer früh plant und flexibel bei den Daten bleibt, reist mit der Bahn durch Europa oft günstiger als mit dem Auto — und definitiv entspannter als mit dem Flugzeug.
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