Trinkgeld-Knigge für 20 Länder: Wo ist Trinkgeld Pflicht, wo optional und wo sogar beleidigend?
In einem Restaurant in Tokio habe ich einmal versucht, dem Kellner ein paar hundert Yen Trinkgeld zu geben. Er lief mir bis auf die Straße hinterher, um mir das Geld zurückzugeben — sichtlich irritiert, fast ein bisschen beleidigt. In Japan ist Trinkgeld eine Beleidigung, weil es impliziert, der Angestellte würde ohne finanziellen Anreiz nicht sein Bestes geben. Wenige Wochen vorher hatte ich in New York das gegenteilige Erlebnis: Weil ich aus Versehen nur 12 Prozent Trinkgeld auf die Rechnung gelegt hatte, wurde ich vom Barkeeper mit einem recht deutlichen Kommentar bedacht. In den USA ist alles unter 18 Prozent ein Affront. Trinkgeld ist eines dieser Themen, bei denen kulturelle Unterschiede am deutlichsten spürbar werden, und wo gut gemeinte Großzügigkeit im schlimmsten Fall nach hinten losgeht.
In den USA und Kanada ist Trinkgeld kein freiwilliges Dankeschön, sondern ein fester Bestandteil des Einkommens. Kellner in amerikanischen Restaurants verdienen einen Grundlohn von oft nur 2,13 Dollar pro Stunde — der Rest kommt über Tips. Der Standard liegt bei 18 bis 22 Prozent des Rechnungsbetrags vor Steuern, und in gehobenen Restaurants oder Großstädten wie New York und San Francisco werden 20 Prozent als Minimum betrachtet. Das gilt nicht nur für Restaurants: Barkeepern gibt man einen Dollar pro Getränk, dem Hotelportier zwei bis fünf Dollar pro Gepäckstück, der Zimmermaid zwei bis drei Dollar pro Nacht, dem Taxifahrer 15 Prozent. In Kanada ist die Kultur ähnlich, wenn auch etwas entspannter — 15 bis 18 Prozent sind dort die Norm. Wer in Nordamerika kein Trinkgeld gibt, gilt nicht als sparsam, sondern als unhöflich. Das mag man seltsam finden, aber so funktioniert das System.
Europa ist ein Flickenteppich, und genau das macht es kompliziert. In Deutschland und Österreich rundet man üblicherweise auf oder gibt 5 bis 10 Prozent. Bei einer Rechnung von 47 Euro sagt man "Mach 52" und hat seine Schuldigkeit getan. In Italien ist das Trinkgeld bereits als Coperto, also Gedeck, auf der Rechnung enthalten — ein bis drei Euro pro Person. Ein zusätzliches Trinkgeld wird nicht erwartet, aber ein Euro oder zwei auf dem Tisch sind eine nette Geste. In Frankreich ist der Service ebenfalls in der Rechnung eingerechnet (Service compris), trotzdem lässt man bei Zufriedenheit ein paar Münzen liegen, typischerweise ein bis zwei Euro. In Spanien ist es ähnlich entspannt: Wer zufrieden war, lässt beim Kaffee zwanzig Cent und beim Abendessen einen oder zwei Euro liegen. Kein Mensch rechnet Prozentsätze aus.
Die Ausnahme in Europa bilden Großbritannien und Irland, wo 10 bis 12,5 Prozent Standard sind — allerdings nur in Restaurants mit Bedienung. Im Pub, wo man am Tresen bestellt, gibt es kein Trinkgeld. In Skandinavien ist Trinkgeld weder üblich noch erwartet, da die Löhne im Gastgewerbe deutlich höher sind als anderswo. Man kann in Stockholm, Oslo oder Kopenhagen ein Abendessen genießen und ohne schlechtes Gewissen den exakten Betrag zahlen.
Asien zeigt die größte Bandbreite. In Japan, wie eingangs erwähnt, ist Trinkgeld tabu — in Restaurants, Taxis und Hotels. Die einzige Ausnahme sind Ryokans, traditionelle Gasthäuser, wo man der Nakai-san, der persönlichen Betreuerin, einen Umschlag mit 1.000 bis 3.000 Yen überreichen kann — aber immer in einem Umschlag, niemals als lose Scheine. In China ist Trinkgeld in lokalen Restaurants ebenfalls unüblich, in internationalen Hotels aber inzwischen akzeptiert. Thailand hat eine pragmatische Trinkgeldkultur entwickelt: In touristischen Gebieten werden 20 bis 50 Baht bei einfachen Mahlzeiten und 10 Prozent in gehobenen Restaurants erwartet. Masseurinnen freuen sich über 50 bis 100 Baht zusätzlich, Taxifahrer erwarten nur das Aufrunden auf den nächsten vollen Betrag. Auf Bali hat sich eine ähnliche Kultur eingebürgert — 10 Prozent in Restaurants, 20.000 bis 50.000 Rupiah für Fahrer und Guides. Indien schließlich hat seine eigene Logik: In Restaurants sind 10 Prozent angemessen, wobei man prüfen sollte, ob bereits ein Service Charge auf der Rechnung steht. Dem Hotelpagen gibt man 50 bis 100 Rupien, dem Rikscha-Fahrer ein paar Rupien aufrunden.
Im Nahen Osten, besonders in den Emiraten, der Türkei und Ägypten, ist Trinkgeld tief in der Kultur verankert. In Ägypten heißt es Baksheesh und wird überall erwartet — vom Hotelpagen über den Parkplatzwächter bis zum Toilettenmann. 10 bis 15 Prozent in Restaurants und 10 bis 20 ägyptische Pfund für kleine Dienstleistungen sind angemessen. In der Türkei sind 5 bis 10 Prozent im Restaurant üblich, in Südafrika 10 bis 15 Prozent. In Südamerika bewegt man sich meist im Rahmen von 10 Prozent, wobei in Argentinien und Brasilien die Propina oft schon auf der Rechnung steht und man sich vergewissern sollte, bevor man noch einmal drauflegt.
Eine praktische Grundregel für alle Reiseziele: Beim Einchecken im Hotel nach den lokalen Gepflogenheiten fragen, kleines Bargeld in Landeswährung bereithalten und im Zweifel lieber etwas geben als gar nichts — außer in Japan. Wer die Länder-Guides auf urlaubfinder365.de nutzt, findet für jedes Reiseziel eine detaillierte Trinkgeld-Übersicht direkt im jeweiligen Urlaubsguide.
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